Nachbericht zur Veranstaltung am 24.02.2026
Ökologische Gemüsezüchtung – Grundlagen und Marktsituation

Korb mit verschiedenen Kohlarten, Lauch, Karotten liegen nebeneinander

© PantherMedia/Harald Richter

Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) veranstaltete in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) ein Online-Seminar zur ökologischen Gemüsezüchtung, an dem rund 50 Personen aus Praxis und Beratung teilnahmen. Im Fokus standen zentrale Fragen der Ökozüchtung, ihre Abgrenzung zur konventionellen Züchtung sowie aktuelle fachliche und rechtliche Rahmenbedingungen. Die Fachvorträge gaben Einblicke in ökologische Zuchtansätze, die praktische Umsetzung im Betrieb und die Vermarktung ökologisch gezüchteter Sorten im Bio-Handel. Die Veranstaltung bot Raum für Austausch, Vernetzung und neue Impulse für eine zukunftsfähige ökologische Gemüsezüchtung.

Einführung in die ökologische Pflanzenzüchtung

Zu Beginn der Veranstaltung erklärte Lucia Huber-Holmer von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), was unter Ökozüchtung zu verstehen ist und wie sie sich von der konventionellen Züchtung unterscheidet. Pflanzenzüchtung begleitet die Landwirtschaft seit ihren Anfängen und hat durch gezielte Selektion und Auslese unsere heutigen Kulturpflanzen hervorgebracht. Ziel ist es, Ertrag, Qualität und agronomische Eigenschaften wie Winterfestigkeit, Lagerfähigkeit und Frühreife zu verbessern sowie Resistenzen gegen Krankheiten und Schädlinge zu stärken. Im Unterschied zur konventionellen Züchtung, die unter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und mineralischer Düngung erfolgt, orientiert sich die ökologische Züchtung vollständig an den Bedingungen des Ökolandbaus. Der gesamte Züchtungsprozess findet auf Ökoflächen statt, ohne Gentechnik. Wichtige Ziele sind eine hohe Keim- und Triebkraft, gute Jugendentwicklung, Konkurrenzkraft gegenüber Beikraut, natürliche Resistenzen sowie eine effiziente Nährstoffnutzung. Öko-Sorten sind somit von Anfang an optimal auf ökologische Bedingungen abgestimmt.

bioverita – Förderung ökologischer Sorten

Anschließend stellte Justine Lipke vom Verein bioverita dessen Arbeit vor. Bioverita wurde 2011 in der Schweiz gegründet und setzt sich als Non-Profit-Organisation für die Förderung und Sichtbarkeit ökologischer Pflanzenzüchtung ein. Der Verein zertifiziert samenfeste Gemüsesorten nach strengen Richtlinien und kennzeichnet diese mit dem bioverita-Label. Inzwischen sind über 200 Gemüsesorten zertifiziert. Ziel ist es, Sorten aus ökologischer Züchtung stärker im Markt zu etablieren und „bio von Anfang an“ zu ermöglichen.

Neue Gentechnik und ihre Auswirkungen

Gebhard Rossmanith stellte in seinem Vortrag die Definition, Chancen und Risiken der neuen Gentechnik vor und ordnete sie im Verhältnis zur ökologischen Pflanzenzüchtung ein. Zunächst erläuterte er die geltenden rechtlichen Grundlagen, insbesondere die EU-Öko-Verordnung 2018/848 sowie die Richtlinien der Ökoverbände und die Prinzipien von IFOAM. Diese schließen den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen im Ökolandbau konsequent aus und stützen sich auf das Vorsorgeprinzip.
Im Mittelpunkt stand der Deregulierungsvorschlag der Europäischen Kommission zu den Neuen Genomischen Techniken (NGT). Vorgesehen ist eine Einteilung in zwei Kategorien: Kategorie 1 soll weitgehend wie konventionelle Züchtung behandelt werden und von umfassenden Risikoprüfungen ausgenommen sein, während Kategorie 2 weiterhin unter das Gentechnikrecht fällt, jedoch mit angepassten Prüfverfahren. Für den Ökolandbau bleibt das Verbot von NGT zwar bestehen, dennoch ergeben sich indirekte Auswirkungen.
Rossmanith betonte insbesondere fehlende Risikoprüfungen, mangelnde Rückverfolgbarkeit und unklare Haftungsfragen. Kontaminationen entlang der Wertschöpfungskette, Marktkonzentration im Saatgutbereich sowie Patente könnten ökologische Züchtung und Sortenvielfalt unter Druck setzen. Zudem drohe eine wachsende Abhängigkeit von konventionellen Züchtungsunternehmen, falls diese verstärkt NGT einsetzen.
Als zentrale Perspektive hob er die Stärkung der ökologischen Pflanzenzüchtung hervor. Klare Züchtungsprinzipien, gentechnikfreie Entwicklung unter ökologischen Bedingungen sowie die Sicherung von Züchter- und Landwirteprivilegien seien entscheidend, um langfristig Sortenvielfalt, Unabhängigkeit und Gentechnikfreiheit im Ökolandbau zu sichern.

Einblick in die Möhrenzüchtung

Johanna Fellner berichtete aus ihrer Arbeit als ökologische Möhrenzüchterin. Nach ihrer gärtnerischen Ausbildung absolvierte sie eine Weiterbildung zur Pflanzenzüchterin und führt ihre Züchtungsarbeit heute im Netzwerk von Kultursaat fort. Der Verein arbeitet mit rund 30 Züchtungsstandorten im ökologischen Gemüsebau zusammen und hat bislang etwa 165 Sorten beim Bundessortenamt zugelassen. Die Arbeit finanziert sich überwiegend über Fördermitglieder, Spenden und Beiträge zur Sortenentwicklung.
Am Beispiel der Möhrenzüchtung erklärte Fellner den Ablauf der Sortenentwicklung. Ausgangspunkt ist eine Züchtungsidee, danach folgen mehrere Selektionsschritte im Feld, bei der Ernte und nach der Lagerung. Dabei werden unter anderem Form, Grünhalsigkeit, Laubstabilität, Ertrag, Lagerfähigkeit und besonders der Geschmack bewertet. Gute Möhren werden wieder ausgepflanzt und weiter vermehrt.
Die Arbeit ist anspruchsvoll, da Möhren Fremdbefruchter sind und viele Faktoren wie Klima, Krankheiten oder Schädlinge eine Rolle spielen. Zudem besteht häufig ein Spannungsfeld zwischen hohem Ertrag und guten Inhaltsstoffen. Ziel der ökologischen Züchtung ist es, robuste und geschmacklich hochwertige Sorten für den Ökolandbau zu entwickeln.

Vermarktung im Bio-Fachhandel

Als letzten Vortrag des Seminars erklärte Silva Schleider von BODAN Großhandel für Naturkost GmbH & Co. KG die Bedeutung von bioverita-Sorten im Bio-Fachhandel. Seit 2019 ist BODAN Mitglied bei bioverita und vermarktet gemeinsam mit regionalen Bio-Höfen und Partnern zertifizierte, samenfeste Sorten aus ökologischer Züchtung. Entscheidend ist dabei eine klare Kennzeichnung auf allen Handelsstufen, vom Online-Shop über das Tagesangebot bis hin zu Kistenkennzeichnungen, Preisschildern und Displays im Laden. Ergänzend sorgen Saisonkalender, Newsletter, Magazinbeiträge, Social Media und Verkostungsaktionen dafür, dass das Thema dauerhaft im Bewusstsein von Handel und Kundschaft bleibt.
Im Anschluss berichtete Tim Haug aus dem Bereich Obst- und Gemüseeinkauf über die Vermarktungserfahrungen. Während einige Kulturen wie Wurzelgemüse, Salate oder Chicorée gut angenommen werden, zeigen sich bei anderen, wie Zucchini, Paprika oder Kohl, wirtschaftliche Herausforderungen, unter anderem durch geringere Erträge und eine hohe Preissensibilität der Verbraucherinnen und Verbraucher. Nach einem Umsatzrückgang im Jahr 2024 war 2025 eine leichte Erholung zu verzeichnen, insgesamt bleibt die Entwicklung jedoch anspruchsvoll.

Deutlich wurde, dass die ökologische Gemüsezüchtung eine zentrale Rolle für die Weiterentwicklung des Ökolandbaus spielt. Sie trägt dazu bei, robuste, standortangepasste und geschmacklich hochwertige Sorten zu entwickeln und gleichzeitig die Vielfalt im Saatgut zu erhalten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ökologische Züchtung langfristige Unterstützung, Sichtbarkeit im Markt sowie ein gutes Zusammenspiel von Züchtung, Praxis, Handel und Verbraucherinnen und Verbrauchern benötigt. Wir freuen uns, Sie bei einem weiteren Seminar der Öko-Akademie begrüßen zu dürfen.