Held der Weinberge
Turmfalken - Späher der Lüfte

Beim Spaziergang oder bei der Arbeit in den Weinbergen ist oftmals ein heiseres „ti ti ti“ zu hören. Im gleichen Augenblick fliegt ein Turmfalke (Falco tinnunculus) von seinem Ansitz auf und segelt elegant über die Rebzeilen hinweg. Turmfalken sind gern gesehene Gäste in den Weinbergen. Jagen sie doch mit Vorliebe nach Wühlmäusen, die zur Traubenreife gerne an den süßen Beeren naschen (und diese dadurch verderben). Die vielen Ansitzwarten in den Rebanlagen zeigen, wie willkommen die Mäusejäger sind. Dennoch müssen sich die Turmfalken mit einem eigentlich typischen menschlichen Problem herumschlagen – dem Wohnungsmangel.

Nistmöglichkeiten gesucht

Turmfalken sind schlechte Architekten. Die Fähigkeit der Mäusebussarde und Milane, aufwendige Horste selbst anzufertigen, fehlt den Turmfalken. Ursprünglich brüteten sie in Felsspalten und kleinen Felshöhlen. Doch da ihre bevorzugte Beute (Mäuse) sich immer näher den Menschen anschlossen, folgten die Falken. In den Städten und in der von Menschen geformten Kulturlandschaft war der Jagderfolg nach den Beutetieren vielfach höher. Alte Krähen- und Elsternester in hohen Bäumen oder die Dachböden von Feldscheunen wurden auf dem Land zur Jungenaufzucht genutzt. In den Städten fanden Turmfalken in Kirchtürmen oder im Dachbereich hoher Gebäude Nistplatz, der häufig mit Schleiereulen geteilt wurde.
Doch diese Möglichkeiten nehmen stetig ab. Gebäude werden energetisch saniert und dabei die Gebäudespalten und Dachluken versiegelt. Die Agrarlandschaft versteppt zusehends. Hohe Bäume verschwinden aus dem Bild der offenen Kulturlandschaft, wie auch Feldscheunen und Weinberghütten.

„Auf die Mäuse“

Turmfalken haben eine spezielle Jagdtechnik entwickelt. Mit schnellen Flügelschlägen („Rütteln“) und breit aufgefächerten Schwanzfedern bleiben sie an einem Punkt in der Luft regelrecht „stehen“ um nach ihrer Beute Ausschau zu halten. Ist eine Maus erspäht stößt der Falke auf sie herab. Dabei erreichen Falken Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h.
Im Gegensatz zu vielen Greifvögeln tötet der Falke die Maus nicht mittels seiner Fänge. Diese dienen nur dem Festhalten der Beute. Falken gehören zu den Bisstötern, d.h. das Beutetier wird mit dem Schnabel erlegt. Dabei kommt ein besonderes Kennzeichnen der Falken zum Tragen: der Falkenzahn. So wird eine zackenförmige Ausformung an der seitlichen Schneidekante des Oberschnabels bezeichnet. Der Falkenzahn dringt bei dem gezielten Biss in den Nacken in den Hinterschädel der Feldmaus ein, wodurch diese getötet wird.

„Ich sehe was, was Du nicht siehst“

Beim Rüttelflug scheinen Falken gezielt an bestimmten Punkten Ausschau zu halten. Und genau dies ist auch der Fall. Falken beobachten vielbegangene „Mäusewege“. Denn genau da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass bald eine Maus auftaucht. Doch woran erkennen Falken die hoch frequentierten Mäuse-Hotspots? Die Antwort ist verblüffend: an den Urinspuren, die die Mäuse hinterlassen.
Falken besitzen 5 Farbsehzelltypen (Menschen haben drei) und können polarisiertes Licht und UV-Licht wahrnehmen. Mäuseurin reflektiert UV-Licht und frischer Urin leuchtet besonders kräftig. Für Turmfalken ein deutliches Signal hier am besten nach einer Maus Ausschau zu halten. Für den Falken bedeutet dies eine enorme Energieeinsparung, denn der Rüttelflug ist kräftezehrend. Da empfiehlt es sich, nur an Orten mit großer Erfolgschance diese Jagdtechnik einzusetzen. Doch auch die Mäuse sind nicht wehrlos der Attacke von oben ausgesetzt. Sie legen gezielt falsche Fährten, indem sie anderen Mäusen vor die Tür bzw. Eingangsloch pinkeln. So werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: der unbequeme Mäusekonkurrent wird vom Falken erwischt und das eigene Leben wird verschont

Adlerauge mit eingebautem Fernglas

Das sprichwörtliche Adlerauge ist auch anderen Greifvögeln wie Bussarden und den Falken zu eigen. Die enorme Sehleistung ist auf eine hohe Dichte an Sehzellen im Auge zurück­zuführen. Falken besitzen 2-8-mal so viele Sehzellen pro mm2 wie der Mensch und die Verteilung ist gleichmäßiger. Dies bewirkt, dass ein deutlich größerer Bereich ihres Sehfeldes scharf erscheint.
Zusätzlich wird die Sehleistung im Falkenauge mittels eines Vergrößerungssystems noch erhöht. Dieses „Fernglas“ ermöglicht Falken z.B. eine Maus auf 350 m Entfernung noch genau zu erkennen. Auch die zeitliche Auflösung ist bei Falken im Vergleich zu Menschen deutlich höher. Wir nehmen eine Bilderfolge von 25 Bildern pro Sekunde bereits als Film wahr. Für Falken ist eine Sequenz von 150 Bildern pro Sekunde noch eine „Diashow“ von Einzelbildern.

Bestandsentwicklung rückläufig
Noch ist unser häufigster Falke nicht im Bestand gefährdet, doch die Populationszahlen sind rückläufig. Eine der Ursachen für die die stetige Abnahme an Turmfalken ist der Mangel an geeigneten Nistmöglichkeiten.
Daher gilt es, wieder mehr Nistraum für den passionierten Mäusejäger zu schaffen. Und das ist gar nicht schwer. Turmfalken-Nistkästen kann man entweder kaufen oder wer gerne handwerklich arbeitet, kann einen Turmfalken-Nistkasten selbst zimmern. Kostenlose Bauanleitungen für geeigneten Holznistkästen gibt es z.B. auf der Internetseite des NABU (siehe unten).
Es lohnt sich den Turmfalken hinsichtlich der Nistmöglichkeiten unter die Arme bzw. Schwingen zu greifen. Im israelischen Jordantal werden mit großem Erfolg Turmfalken und Schleiereulen in der Landwirtschaft zur Kontrolle der Mäusepopulationen eingesetzt.

Bauanleitung für Holznistkästen auf der Internetseite des NABU