Gartencast
Klimawandel und Biodiversität
1. Mai 2026

Der Klimawandel verändert Vegetationszeiten, Wärme- und Niederschlagsmuster und schafft damit neue Herausforderungen für wildlebende Arten. Die großen zusammenhängenden Lebensräume schrumpfen. Das macht private und städtische Gärten zu wichtigen Trittsteinen: Sie verbinden Lebensräume, bieten Nahrungsquellen und Unterschlupf.

Klimawandel und Biodiversität

Hallo und willkommen zum Gartencast! Ich bin Jeannine Steinkuhl und bei mir ist jetzt Kristin Mahler von der Bayerischen Gartenakademie. Heute geht es bei uns um den Klimawandel und die Biodiversität. Denn der Klimawandel verändert Vegetationszeiten, Wärme- und Niederschlagsmuster und schafft damit neue Herausforderungen für wildlebende Arten. Die großen zusammenhängenden Lebensräume schrumpfen. Das macht private und städtische Gärten zu wichtigen Trittsteinen: Sie verbinden Lebensräume, bieten Nahrungsquellen und Unterschlupf. Fr. Mahler, hier finden Insekten und Kleinsttiere noch wichtige Rückzugsorte, richtig?

Ja, sonst gäbe es sie an manchen Orten nicht mehr oder sie wären der Klimaveränderung schutzlos ausgeliefert. Gärten kühlen das Umgebungsklima, speichern Wasser und können die lokale Artenvielfalt deutlich erhöhen. Somit sind sie kleine Inseln der Biodiversität inmitten einer sich verändernden Welt. Tatsächlich gibt es inzwischen schon Arten, die in der freien Landschaft selten geworden sind, aber in Gärten noch vorkommen.

Haben Sie ein Beispiel für uns?

Alte Obstsorten, die es oft nur noch auf Streuobstweisen gibt. Auch traditionelle Stauden. Die sogenannten Bauerngarten-Stauden wie Stockrosen, Frauenmantel, Sonnenhut und Storchschnabel finden sich in manchen Gegenden nur noch in Gärten. Bei den heimischen Wildblumen ist ein positiver Trend zu beobachten, da durch die immer weiter zurückgefahrene Pflege auf manchen Grünflächen sich diese wieder selbst etablieren können. Auch sind in den Gärten vermehrt Wildblumen zu sehen, wie zum Beispiel Wiesen-Salbei, kriechender Günsel, Natternkopf und Wiesen-Schafgarbe.

Zu gärtnern ist also wichtig für die Biodiversität?

Genau, das ist nicht nur ein Hobby, sondern ein aktiver Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt. Ein naturnah bewirtschafteter Garten kann Lebensräume für eine Vielzahl von Insekten bieten. Bestäuber wie Hummeln, Wildbienen und Schmetterlinge sichern nicht nur die Ernten, sondern sind ein zentraler Bestandteil funktionierender Ökosysteme. Ein gutes Beispiel sind heimische Wildbienen. Einige von ihnen sind spezialisiert auf ganz bestimmte Pflanzen. Die Glockenblume etwas ist für die Glockenblumen-Schmalbiene und die Glockenblumen-Scherenbiene unverzichtbar. Wer solche Pflanzen im Garten integriert, schafft gezielt Lebensräume.

Das heißt aber auch, dass man sich bewusst dafür entscheiden muss!

Richtig, Biodiversität entsteht nicht überall von allein – sie ist im Garten das Ergebnis bewusster Entscheidungen. Die Flächen der Gärten, Balkone oder Hochbeete müssen nicht groß sein. Außerdem sind die Maßnahmen nicht nur groß zu denken, sondern können auch im Kleinen umgesetzt werden.


Wie sieht es denn bei der Pflanzenauswahl aus?

Hier sollte darauf geachtet werden, dass immer etwas blüht. Frühblüher wie Weiden und Krokus werden durch Obstblüten von Apfel und Kirschen abgelöst. Im Sommer blüht Salbei, Phacelia und Lavendel und später im Jahr dann noch der Sonnenhut und die Sedum-Arten. Das sind natürlich nur Beispiele, es gibt noch viel mehr Pflanzen.

Und was ist mit Nist- und Versteckmöglichkeiten für die Tier?

Die zu schaffen, ist oft leichter als viele denken. Die überall sichtbaren Insektenhotels sind etwas fürs Auge und für Mauerbienen, die im Frühjahr bei richtiger Ausrichtung und Bohrlochgröße gern diese Bauten annehmen. Sand- und Lehmflächen, die offen gestaltet sind und nicht von Pflanzen überwuchert, sind sehr wichtig für grabende Wildbienen. Zwischen 60 und 70% der bei uns vorkommenden Wildbienen nisten im Boden!

Altes Holz kann man auch liegen lassen, oder?

Ja, als Altholzstapel im Garten bietet Holz für viele Käferarten Versteck und Überwinterung, es kann aber auch von Igeln und Mauswieseln angenommen werden. Steinhaufen sind wertvolle Biotope und Rückzugsorte für Eidechsen, Blindschleichen, Wildbienen und Käfer. Die Steine speichern Wärme, so dass man oft die kleinen Tierchen beim Sonnen beobachten kann.

Wie ist das mit einer Ecke, die man sich selbst überlässt? Ja oder nein?

Wer viel Platz hat, kann sich eine sogenannte Wilde Ecke schaffen, dort wird der Natur einfach freien Lauf gelassen. Natürlich kann mit dem Setzen von Brennnesseln und Disteln auch gleich ein Einstieg geschaffen werden. Diese sind essenziell wichtig als Futterpflanzen für viele Schmetterlinge wie Tagpfauenauge, Distelfalter, Admiral oder Kleiner Fuchs. Wichtig ist allgemein eine Vielfalt an Strukturen im Garten zu schaffen, so dass diese Bereiche zu lebendigen Lebensräumen werden. So sind Pflanzengesellschaften immer Einzelkulturen vorzuziehen. Mischkulturen auch im Gemüsegarten fördern nützliche Insekten und reduzieren den Schädlingsdruck. Kräuter wie Thymian, Oregano, Borretsch und Salbei locken Bestäuber an.

Wasserstellen sind gerade in den trockenen Sommermonaten auch sehr wichtig. Was gilt es dabei zu beachten?

Wasser ist für alle Bewohner des Gartens unverzichtbar. Also sollte eine Wasserstelle, die möglichst nicht immer wieder trockenfällt, angeboten werden. Ein kleiner Teich, oder eine größere Schale mit Wasser. Es ist darauf zu achten, dass Insekten, die reinfallen, eine Rettungsmöglichkeit haben. Steine, die über die Wasseroberfläche herausschauen oder unbehandeltes Holz als schwimmende Inseln. Im Teich kann auch sehr gut mit Wasserpflanzen wie Seerosen und Tannenwedel für Rettungspunkte gesorgt werden.

Ich kenne mich zugegebenermaßen leider nicht soooo gut aus mit Pflanzen – welche Apps können Sie empfehlen?

Wenn Sie eine Pflanze sehen, die Ihnen gefällt, die Sie aber nicht kennen, kann man zum Beispiel die App Flora Incognita nehmen. Das ist eine Kooperation der technischen Universität Ilmenau und dem Max-Planck-Institut Jena und sie ist eine gute Bestimmungshilfe. Außerdem gibt es in diesem Jahr ein Projekt zum Thema Biodiversität im Garten, bei dem Sie eigenständig die Pflanzen bestimmen und kartieren können. Der Aktionszeitraum läuft vom 22. Mai bis 7. Juni 2026, aber natürlich können das ganze Jahr über die Pflanzen eingestellt werden. Weiterführende Informationen finden Sie auf der Internetseite der App: www.flora-incognita.de

Flora Incognita Externer Link

Fassen wir noch mal das Wichtigste zusammen: Jeder Garten ist wichtig im Kampf gegen den Klimawandel…

Genau, ein Schutzgebiet, Nahrungsquelle, Nistplatz, Lebensraum und genetische Reserve. Jede blühende Ecke, jedes Altholz und der Verzicht auf chemisch-synthetischen Dünger und Pflanzenschutz zählt. Denn ein lebendiger Garten ist nicht nur schöner, sondern auch widerstandsfähiger, nachhaltiger und voller Leben. Darum gehen Sie mit offenen Augen durch Ihre Gärten, erfreuen Sie sich an allem, was blüht und erleben Sie ein kleines Stück Biodiversität vor der Haustür.

Dankeschön, Frau Mahler – und auch Ihnen vielen Dank fürs Zuhören! Wir freuen uns, wenn Sie auch beim nächsten Mal wieder mit dabei sind. Machen Sie´s gut, bis dann, ciao!