Bundesweite Arbeitsbesprechung "Umweltgerechter Pflanzenbau und Pflanzenschutz"
Das Neueste zum Pflanzenschutz in Haus und Kleingarten

trockenes, braunes Eichenlaub am Baum hängend
Die 24. bundesweite Arbeitsbesprechung „Umweltgerechter Pflanzenbau und Pflanzenschutz in Haus und Garten“ am 5. und 6. Februar 2019 bot wieder eine Plattform zum lebhaften Austausch der neuesten Erfahrungen und Informationen für Berater der deutschen Gartenakademien, der Verbände des Freizeitgartenbaues und vieler Kreisfachberater für Gartenkultur und Landschaftspflege.
Die meisten Referate drehten sich um die Klimaveränderungen und die besten Empfehlungen zur Gartenpflege für die nächsten Jahre.
Der Rasenexperte Prof. Martin Bocksch empfiehlt eine frühe kleine Startdüngung mit etwas Stickstoff, Kalium und Silizium schon im Februar, wenn der Boden offen ist. Das kräftigt die Wurzeln, die somit auch für einen trockenen Sommer besser gerüstet sind. Rasenfilz sollte entfernt werden, weil er im Sommer viel Wasser schluckt und von den Wurzeln fernhält. Beim Vertikutieren sollte man aber nicht den Boden aufreißen. Im Sommer ist ein höherer Schnitt günstig. Bei Neuanlagen sollte man Saatgut-Mischungen mit höherer Trockenverträglichkeit nutzen.
Dr. Ingrid Illies stellte umfangreiche Studien zur Wirkung von Pflanzenschutzmitteln aus der Gruppe der Neonikotinoide auf Bienen und andere Insekten vor. Es handelt sich um Wirkstoffe, die kaum toxisch auf Wirbeltiere, aber bereits in kleinsten Mengen auf das Nervensystem von Insekten einwirken. Allerkleinste Mengen lassen die Bienen zwar überleben. Nachweislich sind sie aber bereits in geringsten Spuren extrem schädlich, indem sie die Orientierung der Tiere, die Immunabwehr und die Nachwuchspflege beeinträchtigen. Auch als Beize an Mais gelangen sie zur Biene, wenn der Maiskeimling Wasser als Tautropfen „ausschwitzt“ (Guttation), das geringe Wirkstoffmengen enthält und wenn die Bienen davon trinken. Übrigens sind sie bis heute weit verbreitet in Anti-Floh-Halsbändern von Hunden.
Mit mehr Wärme kommen auch mehr Insektenplagen. Dr. Marianne Klug von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen berichtete von umfangreichen Erfahrungen zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners. Besonders wichtig ist die Bekämpfung dieser Schädlinge an Wanderwegen oder in der Nähe von Schulen und Kindergärten. Wichtig ist eine frühzeitige Behandlung mit Bacillus thuringiensis var. kurstaki, einem biologischen Mittel, wenn die Blätter der Eichen erst zu 50 Prozent entwickelt sind, wenn die Raupen noch klein sind und bei bedecktem Himmel und trockener Witterung. Dabei muss man z.B. mit Hilfe von Hubsteigern so spritzen, dass die Blattunterseiten gut benetzt sind.
Kreisfachberater Hilmar Keller stellte am Beispiel des neu entstandenen Naturgartens in Himmelstadt trockenresistente Pflanzkonzepte mit üppiger Blütennahrung vor. Zudem sorgen Trockenmauern, Gehölze mit Falllaub und Totholz für Überwinterungs- und Nistgelegenheiten für viele Insekten.
Sven Görlitz vom Verband Wohneigentum Baden-Württemberg ergänzte das Thema mit einem Bericht über ihren LGS Beitrag in Lahn. Hier stand eine leider allzu oft in Neubaugebieten anzutreffende Schotterwüste mehreren mindestens genauso pflegeleichten, aber üppig blühenden Einsaaten oder Staudenpflanzungen gegenüber. Der Trick: Man säte die mehrjährigen Mischungen im Herbst des Vorjahres. Sie zeigten dann bereits ab Frühjahr reiche Blüte.
Monika Lambert-Debong vom Verband der Gartenbauvereine in Deutschland stellte den aktuellen Stand bei der „Sektorspezifischen Leitlinie für den Pflanzenschutz in Haus- und Kleingärten“ vor. Sie ist zuversichtlich, dass sie nun demnächst, nach mehreren von der sog. Kasseler Runde ergänzten Nachbesserungen, vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten angenommen wird.
Zum mitreißenden, aber leider auch sehr beunruhigenden Vortrag von Prof. Heiko Paeth waren zusätzliche Zuhörer aus der LWG gekommen. In den letzten 10 Jahren war 2014, 2015, 2016 und 2018 wärmstes Jahr! In Unterfranken waren in 2018 nur der Februar und der März leicht unterdurchschnittlich in der Temperatur. Alle übrigen Monate lagen 2 bis 5,3 Grad über dem langjährigen Mittel. Zugleich war es ein extrem trockenes Jahr. Die Niederschläge lagen im Januar, März und Dezember über dem langjährigen Mittel. Ansonsten regnete es in vielen Monaten nur die Hälfte, im November gar nur ein Zehntel wie üblich. Eine Beobachtung über mehrere Jahrzehnte lässt befürchten, dass die Temperaturen noch weiter steigen werden. Es wird noch wärmere Jahre, eine steigende Zahl von Tropennächten (über 20 Grad) sowie weniger Sommerniederschläge geben. In der Diskussion empfahl er, nicht nur von der Politik Forderungen nach einer wirksamen Begrenzung der CO2-Emissionen zu fordern, sondern auch im Kleinen jeder für sich „vernünftiger“ zu werden: Biologische Produkte einkaufen, weniger Fleischkonsum, Fliegen und Kreuzfahrten meiden, und den Energieverbrauch für Heizung, Auto, Ernährung und Konsum zu drosseln.
Marianne Scheu-Helgert von der Bayerischen Gartenakademie gab ganz praktische Tipps zur Gartenpflege. Neben angepassten Zierpflanzen empfahl sie den Frühanbau von Gemüse (z.B. Erbsen), Sägemüse mit langer Pfahlwurzel für den Sommer (z.B. Pastinaken) und vor allem die intensive Nutzung der Gartenbeete von Oktober bis Silvester. In dieser Zeit ist es meistens mild genug, zudem oft auch regenreicher, so dass der Gemüsegarten mit Wurzel- und Kohlgemüsen aller Art, mit Chinakohl und verschiedenen Salaten sogar besonders zuverlässig und pflegeleicht ist.
Hubert Siegler von der Bayerischen Gartenakademie erläuterte die Vielzahl von Möglichkeiten, Obst in einem breiten Sortiment von kleinwüchsigen Bäumen bis zum Beerenobst auch in kleinen Gärten anzubauen.
Matthias Walheim brachte wieder in bewährter Weise seine Erfahrungen zu neuen Organismen ein, allen voran die Tigermücke, aber auch Buchsbaumzünsler und neuen Zeckenarten.
Dr. Nicolai Haag, neuer Leiter des Arbeitsbereiches „Spezieller Pflanzenschutz“ am Institut für Pflanzenschutz an der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising, ergänzte die immer häufigeren Beobachtungen der Schäden durch die Marmorierten Baumwanze an Obstgehölzen und Fruchtgemüsen.