Modellfläche zur Artenvielfalt im Weinbau

Der Blick geht den Weg entlang auf die herbstlich gefärbten Rebanlagen, die bunten Brachen und den Herbstwald im Hintergrund
Am Thüngersheimer Scharlachberg ist die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau im Besitz von rund zehn Hektar Rebfläche. Seit 2014 werden dort verschiedene Maßnahmen zur Steigerung der Artenvielfalt durchgeführt. Ziel ist es, Weinberge so umzugestalten, dass sich die höchstmögliche Biodiversität entwickeln kann, ohne dass die Wirtschaftlichkeit der Rebflächen beeinträchtigt wird. Im Vergleich zu früheren Arbeiten wird allerdings nicht mehr nur der einzelne Weinberg betrachtet, sondern die Gesamtheit der Weinberge in einer Weinbergslage. So ist die Verknüpfung der einzelnen Maßnahmen, wie z. B. das Einrichten von Blühstreifen, über mehrere Weinberge ein wesentlicher Bestandteil dieses Projektes.
In einem weiteren Schritt sollen wissenschaftliche Erhebungen der Diversität der Fauna und Flora im Vergleich zu Weinbaustandorten mit einer standardmäßigen Bewirtschaftung erfolgen.

Die verschiedenen Maßnahmen im Einzelnen

Blühender Weinberg

Entlang der Wege an den Randstreifen können sich Begrünungen ohne störende Einflüsse auf die Reben entwickeln. Diese Randstreifen ziehen sich den ganzen Weinberg entlang und stellen so eine Brücke zwischen den Teilen einer Weinlage und ihrer Umgebung her und ermöglichen eine leichtere Ausbreitung vieler Arten. Eine blühende Begrünung zur Förderung der Nützlinge ist Teil eines nachhaltigen Weinbaus. Ihre Wasser- und Nährstoffkonkurrenz zur Rebe führt in trockenen Phasen jedoch zur Bearbeitung der Begrünung. Kurze Spitzzeilen lassen sich nur sehr schlecht bearbeiten und werden daher immer öfter aus der Produktion genommen und an dieser Stelle ein Baum gepflanzt, um die Weinbergslandschaft zu strukturieren. In diesem Umfeld lässt sich eine vielfältig blühende Begrünung aufbauen.

Ein Streifen am Rande eines Weinbergs mit blühenden Gräsern, Klatschmohn und weiteren wild aufwachsenden Pflanzen

Blühender Weinbergsrand

Blick in zwei Rebanlagen die spitz aufeinander zulaufen, das dazwischenliegende Dreieck ist mit einer bunt blühenden Begrünungsmischung bewachsen

Ehemalige Spitzzeilen in Blüte

Ein grünlich gelber Zitronenfalter sitzt auf einem lilablauen Blütenstand des Natternkopfes

Zitronenfalter auf Natternkopf

Weinbau auf Querterrassen

Vielerorts prägen die Steillagen des Weinbaus das landwirtschaftliche Erscheinungsbild einer Region. Die extremen Produktionsbedingungen in diesen Weinbergen führen jedoch häufig zur Aufgabe dieser Steillagen. Durch die fehlende Bewirtschaftung verbuschen diese Flächen und langfristig setzen sich Heckenpflanzen und Bäume durch. Nicht nur Pflanzen, die nicht an andere Stelle umsiedeln können, verschwinden, sondern auch für viele speziell angepasste Tiere schrumpft der Lebensraum.
Auch die am Standort Scharlachberg heute quer terrassierte Anlage war von einer Trockenmauer abgeschlossen und nicht mehr bewirtschaftbar. Im September 2013 wurden 1,3 ha ehemalige Rebfläche zu Querterrassen mit rund 1,80 m Höhe und rund 2 m Breite umgestaltet. Zum Schutz vor Erosion wurden spezielle, an trockene Standorte angepasste Begrünungsmischungen aufgebracht. Der Böschungsfuß und der Wegbereich blieben weitestgehend offen.
Bereits im ersten Sommer konnten zahlreiche Tierarten mit einer Vorliebe für trockene, heiße Standorte beobachtet werden. Der hier entstandene Biotopkomplex aus offenbodigen Geröllflächen neben schwach bewachsenen, trockenrasenähnlichen Standorten und ökologisch bewirtschafteten Rebzeilen erfüllte bereits in den ersten Sommern die Voraussetzungen an den Lebensraum für das Auftreten einer Vielzahl dieser wärmeliebenden Tiere.

Natürliche Vielfalt dank Querterrassen im Weinberg

gut wachsende Reben und üppig, bunt blühende Begrünung an der Böschung

Blühende Begrünung an den Böschungen

gut gewachsene Jungreben und vertrocknete Begrünung an der Böschung

Böschung und Weg im Spätsommer

Die bräunliche Zweipunkt Dornschrecke sitzt gut getarnt zwischen trockenen Pflanzenteilen

Seltene Dornschrecke gut getarnt

Alternatives Beikrautmanagment

Neben der mechanischen Bearbeitung des Unterstockbereiches und der gezielten Einsaat von Unterstockbegrünungen, werden in diesem Projekt zwei weitere Schwerpunkte untersucht. In Zusammenarbeit mit dem Technologie- und Förderzentrum in Straubing (TFZ) wird aktuell eine aufsprühbare Mulchfolie entwickelt, die den Beikrautbewuchs im Unterstockbereich unterdrücken soll. Die Folie soll auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden und somit vollständig abbaubar sein. In einem Projekt der LWG werden Alternativen zum Einsatz von Herbiziden im Weinbau untersucht. Während in Flachlagen eine mechanische Bearbeitung des Unterstockbereiches nach dem heutigen Stand der Technik sehr gut durchführbar ist, ist der Verzicht auf Herbizide in Steillagen mit einem nicht unerheblichen Mehraufwand und einer erhöhten Erosionsgefahr verbunden. Ein weiterer Baustein des Projektes ist der Einsatz von natürlichen Wirkstoffen mit phytotoxischer Wirkung. Hierzu gehört zum Beispiel die Pelargonsäure (Nonansäure), eine gesättigte Fett- bzw. Carbonsäure, die in Form ihrer Ester in den Blättern von 'Pelargonium roseum', 'Ajania', 'Rubus' sowie im Hopfenöl, Rosenöl oder auch Disteln vorkommt. Erste Versuche mit der Pelargonsäure, konnten bereits durchgeführt werden und waren sehr aussichtsreich. Innerhalb dieser Fragestellung werden auch Essigsäure oder allopathische Wirkstoffe, wie sie zum Beispiel bei Walnuss vorkommen, auf ihre Wirksamkeit getestet.

Forschungsprojekt: Alternative Beikrautregulierung im Obst- und Weinbau

Seitlich an einen Schlepper angebautes Gerät, nach dem Einsatz mit Erdanhaftungen

Mechanischen Bearbeitung

Schmaler, weißer Belag auf dem Boden entlang einer Rebzeile, daneben eine Rebzeile ohne diesen Belag

Aufsprühbare Mulchfolie

Eine Rebfläche mit jungen Reben. Auf einem schmalen Streifen, auf dem die Reben stehen, wurde eine Mulchfolie aufgesprüht. Diese hebt sich farblich nur noch leicht vom braunen Boden ab.

Aufsprühbare Mulchfolie nach kurzer Zeit

Krautige Pflanze mit gelben Blüten wächst am Fuße eines Rebstockes

Gezielte Begrünung

Brache und Biodiversität

Der Nebeneffekt einer Brache ist, dass diese Fläche vorübergehend als „Öko-Nische“ dient, ein Ackerrandstreifeneffekt eintritt und das Landschaftsbild aufgelockert wird. Oberirdisch bietet die vielartige Begrünung Nahrung für viele verschiedene Insekten und Wildbienenarten. Aber auch Vögel, Rebhühner und andere Tiere finden in der Brachebegrünung Nahrung und Schutz. Mit der Entfernung einer alten Rebanlage ist bis zur Neuanpflanzung die einmalige Möglichkeit gegeben, ungehindert von Rebstöcken und Drahtrahmen ganzflächig gezielte Bodenpflegemaßnahmen zu ergreifen. Die Brachezeit bietet die besondere Chance, Störungen im Bodengefüge zu beheben und mit entsprechenden Lockerungs- und Begrünungsmaßnahmen zu verbessern. Zur Verbesserung der Bodenstruktur ist es sinnvol,l artenreiche Begrünungsmischungen auf den Brachflächen einzusäen. Die verschiedenen Pflanzenarten mit ihren unterschiedlichen Wurzelhorizonten leisten wichtige Arbeit, um den Boden bis in tiefere Schichten zu durchwurzeln und aufzulockern. Im Sinne der Artenvielfalt ist die Pflege der Brachflächen allerdings differenzierter zu betrachten. So ist es wichtig, dass es neben den begrünten Flächen auch offene Bereiche gibt. So ernähren sich zum Beispiel viele Vogelarten der halboffenen Kulturlandschaft zu einem Großteil von Insekten und Spinnen am Boden. Auch bodennistende Wildbienen nutzen diese offenen Bodenflächen.

Eine gerodete Rebfläche mit schütterem Bewuchs des Bodens. Im Umfeld weitere Rebflächen

Brache

Im Hintergrund Rebzeilen eines Weinbergs, im Vordergrund buntes Blütenmeer auf einer Brachfläche

Brache mit üppig blühender Begrünung

Eine Brachfläche mit offenem Boden liegt neben einer Brachfläche mit vielfältiger Begrünung; im Umfeld bestockte Rebflächen

Offene und begrünte Brachflächen

Trüffelgärten für Franken

Trüffeln gedeihen in Südeuropa und gelten seit langer Zeit als Inbegriff exklusiver und rarer Delikatessen. Die Burgundertrüffel (Tuber uncinatum 'Chatin') ist ebenfalls eine schwarze Trüffel und kann an die kulinarische Qualität der Perigord-Trüffel heranreichen. Im 19. Jh. wurden auch in Deutschland einheimische Trüffeln, insbesondere die Burgundertrüffel, gesammelt und hauptsächlich in Form der exquisiten „Trüffelleberwurst“ verwertet. Mit Beginn des 20. Jhs. verschwanden die einheimischen Trüffeln aus der Küche und dem Bewusstsein der deutschen Bevölkerung. Aktuelle Untersuchungen belegen jedoch, dass Burgundertrüffel deutschlandweit auf kalkhaltigen und gut durchlässigen Böden zu finden sind.
In diesem Pilotvorhaben ist beabsichtigt, auf aufgelassenen Steillagenflächen des Weinbaus zur Förderung der Biodiversität und zur Erhaltung des Kulturlandschaftsbildes Trüffelkulturen anzupflanzen. Ziel ist es, die Eignung und Wirtschaftlichkeit der Trüffelkultur wie die weintouristische Inwertsetzung der Region durch das Ergänzungsprodukt Trüffel zu prüfen und zu entwickeln. Trüffeln sind die unterirdischen Fruchtkörper von Schlauchpilzen (Ascomyceten) der Gattung Tuber und sind Teil der Mykorrhizaflora zahlreicher einheimischer Baumarten. Von den weltweit vorkommenden ca. 150 Arten sind sieben kulinarisch und wirtschaftlich von Interesse. Von größter Bedeutung sind die Weiße Alba-Trüffel (Tuber magnatum 'Pico') und die Schwarze Périgord- Trüffel (Tuber melanosporum 'Vittadini').
In zwei nach oben geöffneten Händen liegen einige unterschiedlich große schwarz-braune Trüffel
Das Sammeln und Verwerten der Trüffeln ist in Deutschland in jeglicher Art ausgeschlossen. Die Trüffeln unterliegen der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) und gehören zu den „besonders geschützten“ Arten.

Steinreiche Weinberge

An die Weinlagen angrenzende Felsen werden oft nicht weiter beachtet, aber auch sie sind Teil dieses trockenen, warmen Lebensraumes. Schnell wachsende Gehölze lassen innerhalb weniger Jahre diese Bereiche durch Überwucherung verschwinden und damit einen wertvollen Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten. Weinberge sind ein ganz besonderer Lebensraum, stehen die Reben doch oft auf kargen, steinigen Böden an Berghängen, an welchen sonst keine landwirtschaftliche Produktion möglich ist. Diese trockenen, sich schnell erwärmenden und die Sonnenhitze des Tages lange speichernden Böden bieten einer speziell angepassten Fauna und Flora einen Lebensraum. Viele Arten kommen nur an diesen Standorten vor und ein großer Teil davon findet sich auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.
Lesesteinhaufen, Steinriegeln oder Steinschütten sind in mühsamer Handarbeit errichtete Ansammlungen von die Bewirtschaftung störenden Steinen. Inzwischen werden bei der mechanischen Bearbeitung der Anlagen freigelegte Steine oft entsorgt und nicht zur Pflege der bestehenden oder Anlage neuer Steinriegel genutzt.
Weinbergsmauern erschlossen die steilen Hänge für den Rebenanbau. Erhalt und Pflege dieser Mauern sind sehr aufwändig. Die Förderung beispielsweise über das bayerische KULAP-Programm B56 sind eine Maßnahme, um diese landschaftsprägenden Strukturen und damit Lebensräume zu erhalten.
Muschelkalkflächen schauen zwischen dem Grün hervor. Erkennbar sind kleine Laubgehölze, blühende Gräser, Weinbergslauch, wilder Dost usw.

Anstehender Muschelkalk

Eine neu angelegte Steinschütte zieht sich gesäumt von einer vielfältigen Begrünung parallel zu den Rebzeilen durch den Weinberg

Steinschütte

Ein gelb blühendes Sedum sitzt in der Spalte einer Stufe der Muschelkalkmauer

Weinbergmauer

Totholz als Lebensraum

Viele Insekten und weitere Tiere benötigen neben der Nahrung, die sie in den blühenden Begrünungen finden, auch Rückzugsräume zum Schutz vor Frost, Hitze, Trockenheit oder Nässe und vor Räubern; für die Aufzucht der Jungen wird häufig ein spezieller Lebensraum benötigt. Diese Aufgaben übernimmt oft das sogenannte Totholz. Totholz ist im Gegensatz zu seinem Namen sehr lebendig, denn hier finden sich unzählige Käferarten, Fliegen, Ameisen und vor allem Wildbienen und Wespen. Nachdem in den Weinbergen kein totes Holz zu finden ist, fehlt dieses notwendige Angebot für Insekten. Abhilfe bietet das künstliche Angebot durch Totholzhaufen oder – für viele Arten wichtig – senkrecht stehendes Totholz.
Abgestorbene Laubbäume wurden im Bereich von ehemaligen Spitzzeilen aufgestellt davor liegendes Totholz und im Vordergrund frisch gepflanzter junger Baum

Aufrechtes Totholz

Blick durch den Weinberg die Rebzeilen entlang, über den Weinbergsweg hinweg auf eine Ansammlung von abgelegtem Holz in unterschiedlichen Stammstärken

Liegendes Tothol

Ein Stück altes Holz teilweise mit Moos bewachsen, mit abgeplatzter Rinde und mit einigen Löchern

Besiedlungsspuren

Strukturelement Weinbergshütte

Früher waren Weinbergshütten ein gängiges Element in der Weinkulturlandschaft. Dort wurden die Handwerksgeräte für die Arbeit im Weinberg untergebracht und die Hütten dienten als Unterschlupf bei schlechtem Wetter oder für die wohlverdiente Pause. Im Zuge der Flurbereinigungen verschwanden die Hütten aus den neu angelegten Weinbergen. Mit der zunehmenden Mechanisierung der Weinbergsarbeiten mit Schlepper und Anbaugeräten entfiel die Notwendigkeit eines Lagerraums für die Handgeräte.
In Weinbergshütten fanden vor allem Schleiereulen und Fledermäuse Nistmöglichkeiten in den alten Dachstühlen. Nisthilfen an den Außenseiten ermöglichen Höhlenbrütern wie den Meisen oder Halbhöhlenbrütern wie dem Hausrotschwanz einen geeigneten Platz für die Jungenaufzucht.
Unterschiedlich große Weinbergshütten stehen in der Reblage verteilt

Weinbergshütten

Zwei Küken des Rotschwänzchens sitzen mit geöffneten Schnäbel im Nesi in einer Halbhöhle

Belegter Nistkasten

Ein großes Insektenhotel mit vielseitigem Inventar steht vor einer Weinbergshütte

Insektenhotel