Pressemitteilung - 25. September 2020
Tatort Weinberg: Gefahr bis zur letzten Traube

Die Weinlese läuft auf Hochtouren und schickt sich an, die wohl schnellste in der Geschichte zu werden. Und Eile ist dabei auch geboten: Denn während schon die Frostnächte im April und die anschließende Hitze und Trockenheit der Sommermonate bis zu 30 Prozent Ertragseinbußen erwarten ließen, steht jetzt für einige Rotweinsorten schon die nächste Gefahr in den Startlöchern: die Kirschessigfliege. Doch Problem erkannt, Gefahr gebannt? Seit fünf Jahren arbeiten die Experten der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) an möglichen Vergrämungsstrategien – und sind nun fündig geworden.

Kleines Loch, große Wirkung
Neben der bekannten Essigfliege zeigte sich die ursprünglich aus Asien stammende Kirschessigfliege (lat. Drosophila suzukii) erstmals 2014 in den fränkischen Weinbergen. „Während die heimische Essigfliege vom Saft beschädigter Trauben in die Rebanlagen gelockt wird, fliegt die Kirschessigfliege gesunde Beeren an“, so die promovierte Biologin Beate Wende. Vorzugsweise früh reifende und eher dünnschalige Rotweintrauben wie die der Sorten Regent und Dornfelder haben die weiblichen Fliegen dabei auf dem Radar. Mit ihrem Legebohrer öffnen diese die Beeren und legen im gesunden Traubengut ihre Eier ab. Dort reift der Fliegennachwuchs schließlich zu gefräßigen Larven heran und findet in Form des Fruchtfleischs ausreichend Nahrung. „Haben die Fliegen erst einmal die Beerenhaut verletzt, dringen sehr schnell Schadpilze ein, was schließlich zu Fäulnis der Beeren führt“, so Dr. Wende. Bei großflächigem Befall hat dies negative Auswirkungen auf Qualität und Ertrag.

Das Wetter ist entscheidend
Gerade bei den diesjährigen vorherrschenden Tagestemperaturen im September um die 25 °C sowie den milden Nachttemperaturen mit 10 bis 15 °C fühlten sich die dämmerungsaktiven Fliegen besonders wohl. „Nicht zuletzt die feuchten Tage Anfang September haben die Fliegenpopulation stark anwachsen lassen; und auch die aktuelle regnerische Witterungslage schafft ideale Flugvoraussetzungen“, betont Dr. Wende. Das Wetter ist damit der entscheidende Dreh- und Angelpunkt rund um die Kirschessigfliege. So verträgt die Fliege keine lang andauernden Hitzeperioden und trat daher in den beiden vergangen Jahren kaum auf. „Unsere Beobachtungen haben gezeigt, dass Eiablageaktivität und Schlupfraten bei dauerhaften Tagestemperaturen von über 30 °C deutlich absinken; dauerhafte Temperaturen über 33 °C führen sogar zum Zusammenbruch der Populationen“, so Dr. Beate Wende. Herrschen hingegen hauptsächlich feucht-warme Witterungsbedingungen, legt die Kirschessigfliege im wahrsten Sinne des Wortes los. Ein starker Rückgang der Population ist dann erst wieder mit den ersten Nachtfrösten absehbar.

Problemlöser gesucht
Guter Rat ist als teuer, wenn sich die Witterung auf die Seite der Kirschessigfliegen schlägt und es zu einem zunehmenden Befall während der Traubenreife kommt. Wird die Schadschwelle, also fünf Prozent befallene Beeren überschritten, können Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden: Dies jedoch nur, wenn die vorgegebene Wartezeit bis zur Lese eingehalten werden kann, was sich mit Blick auf eine immer frühere Lese schwierig gestaltet. Zudem wirken viele Pflanzenschutzmittel nicht schädlingsspezifisch, sondern können ebenfalls Nützlinge, wie beispielsweise Raubmilben oder Stechimmen, beeinträchtigen. Die Suche nach alternativen Bekämpfungsmöglichkeiten nahm daher im LWG-Forschungsprojekt großen Raum ein. Geforscht wurde unter anderem mit bitteren Pflanzenextrakten, ätherischen Ölen und gelbildenden Substanzen (Gelatine, Agar), die auf die Trauben aufgebracht wurden, um die Kirschessigfliege fernzuhalten. Doch keine dieser Substanzen brachte den gewünschten Erfolg.

Aus rot wird weiß
Doch im Herbst 2017 kam dann endlich der Durchbruch, der künftig der Kirschessigfliege den Appetit auf rotgefärbte Beeren gehörig vergehen lässt. „Die Lösung ist dabei simpel wie effektiv und fällt dem Betrachter sofort ins Auge“, so Dr. Beate Wende: Gesteinsmehl aus Kaolin. Denn bringt man das weiße Gestein, das auch als Porzellanerde oder Heilerde bekannt ist, feinpulvrig mit Wasser vermischt in der Traubenzone aus, verbleibt ein weißer kreideähnlicher Belag auf den Traubenbeeren, die dann von den Kirschessigfliegen gemieden werden. Ob durch den Belag der verführerische Traubenduft überdeckt wird oder die optische „Umgestaltung“ der Beeren von rot nach weiß den Vergrämungseffekt bewirkt, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden. Das Gesteinsmehl ist dabei eine natürliche Substanz, schädigt keine Nützlinge und beeinträchtigt weder die Traubenreife noch den entstehenden Wein.

„Steckbrief Kirschessigfliege“ l Wie eineiige Zwillinge schauen die Weibchen der heimischen Essigfliege und die der Kirschessigfliege aus und mit bloßem Auge lässt sich kein Unterschied feststellen. Nur unter einem Vergrößerungsglas erkennt man den sägeartigen Legebohrer der weiblichen Kirschessigfliegen. Die männlichen Kirschessigfliegen hingegen lassen sich anhand der beiden schwarzen Flügelflecken sehr gut als solche identifizieren. Nicht nur dunkle Weintrauben ziehen die Kirschessigfliege an. Vor allem dunkel färbendes weichschaliges Obst wie u. a. Brombeeren, Himbeeren und Holunder sind begehrte Eiablage-Früchte. Im heimischen Garten empfiehlt sich daher, die Sträucher vor der Umfärbung der Früchte mit einem feinmaschigen Moskitonetz einzunetzen.

Zwei Kirschessigfliegen sitzen auf roten Weintrauben.

(© LWG Veitshöchheim)

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Dr. Beate Wende sitzt an einem Mikroskop.

(© LWG Veitshöchheim)

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Eine Rebzeile mit rote Trauben die mit weißem Gesteinsmehl benetzt sind.

(© LWG Veitshöchheim)

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