Pressemitteilung - 25. März 2019
2. Fachtagung Urban Gardening: Die Sehnsucht nach Grün, die Wirklichkeit wird!

Sie macht die Sehnsucht der Menschen nach einem grünen Umfeld und dem Leben in Einklang mit der Natur wohl am stärksten deutlich: die seit Jahren zunehmende Urban-Gardening-Bewegung. Die „Landlust-Welle“ schwappt immer stärker in die Städte und findet zunehmend glühende Anhänger. Wille, Tatkraft aber auch Kreativität und Einfallsreichtum kennen dabei scheinbar keine Grenzen. Was es Neues aus der Urban-Gardening-Szene gibt und wie Metropolen in anderen Ländern zu ihren grünen Wurzeln zurückkehren, zeigte die 2. Fachtagung Urban Gardening der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) am Mittwoch, 20. März 2019, in Veitshöchheim.

Rahmenbedingen schaffen
Die Bürger möchten nicht mehr nur die Kreativität im eigenen Garten ausleben, sondern vielmehr bei der Gestaltung ihres grünen Umfeldes aktiv beteiligt werden. „Damit der gesellschaftliche Wandel auch nachhaltig gelingt, bedarf es klarer Rahmenbedingungen. Die Fachtagung bietet ein breites Angebot an Beispielen und Lösungswegen, die den Stadtverwaltungen neue Anregungen geben“, so Dr. Hermann Kolesch, LWG-Präsident, in seinem Grußwort. Damit einher geht der grundsätzliche Wunsch nach dem Klimawandel. Die Forderung nach Veränderungen wird über alle Altersschichten hinweg immer stärker und gewinnt immer mehr an Fahrt, nicht zuletzt durch die Fridays-for-Future-Bewegungen. Dr. Christa Müller, Vorsitzende der gemeinnützigen Stiftung „anstiftung“, berichtete über die Initiative, der mittlerweile 750 Gärten in ganz Deutschland angehören. Neben einem regelmäßigen Erfahrungsaustausch erforscht das Team um Dr. Müller auch das Verhalten von Gartengruppen und die DIY-Bewegung.

Die „Essbare Stadt“
Dr. Lutz Kosack (Landschaftspflege und Naturschutz der Stadt Andernach) berichtete sehr anschaulich von der beispielgebenden Begrünung der Stadt Andernach. Ausgesuchte öffentliche Grünanlagen wurden zu Gemüsegärten umgewandelt und den Bürgern das „Mit-Garteln“ wie auch das Ernten von frischem Gemüse und Salat erlaubt. „Dabei geht es darum die Stadt nicht nur als ´Lebens-Mittelpunkt´, sondern auch als ´Lebens-Mittel´ erlebbar zu machen“, so Dr. Kosack in seinem Vortrag. Der Ansatz liegt dabei darin, die städtische Bevölkerung noch stärker für das öffentliche Grün zu sensibilisieren und auch aktiv in Nutzung und Pflege einzubinden. Dabei erobern nicht nur Obst und Gemüse innerstädtische Flächen zurück; auch Hühner und Schafe leben in der „Essbaren Stadt“. Daneben steht auch die Biodiversität im Fokus. Auf Rasenflächen werden dafür beispielsweise vermehrt Blühinseln eingerichtet.

Grün, grüner – Paris!
Ob Obstgarten in jeder Schule, kleiner Gemüsegarten in jeder Kita oder das Ziel „100 Hektar begrünte Dächer und Fassaden bis 2020“: Paris ist auf dem besten Weg zur „Grünen Stadt“. Um diese Zielsetzung zu erreichen, wurden vier Aktionsbereiche ausgewählt: Vereinigung sämtlicher Akteure und Grundbesitzer, Begrünung der städtischen Einrichtungen, Entwicklung des Urban Farming sowie Beratung, Bildung und Unterstützung der Bevölkerung. David Lacroix (Leiter der Abteilung Pflanzenwissenschaft und -technologie, Bereich Grünräume und Umwelt der Stadt Paris) stellte dabei auch den „Begrünungsschein“ vor, der bisher an über 2.000 Pariser ausgeben wurde. Dieser ermöglicht jedem Anwohner über eine eigene Grünfläche zu verfügen und insbesondere sich selbst um ein kleines Stückchen Garten zu kümmern. Auch die Biodiversität wurde im „Pariser Biodiversitätsplan 2018/19“ verfestigt und umfasst 30 verschiedene Aktivitäten. Im Rahmen des Neubaus von öffentlichen Einrichtungen werden bereits Flächen für Urban-Farming mit eingeplant. 30 Hektar sollen auf vorhandenen Dachflächen oder in alten Parkhäusern entstehen. Dabei sollen nicht nur Gemüse und Obst angebaut werden – für die Biererzeugung wird auch Hopfen kultiviert. Für die gesamte Begrünungskampagne „2020“ mit 100 Hektar Dach- und Fassadenbegrünung wurden bereits 74 Projektpartner aus der Wirtschaft gefunden.

Die grünen Städte Südost-Asiens
Seit 2010 wächst die Stadtbevölkerung weltweit deutlich schneller als die Landbevölkerung. Dr. Robert Holmer (Geschäftsführer Urban Food International) demonstrierte am Beispiel Manila, der Hauptstadt der Philippinen, wie schnell die Stadt wächst und welche Flächen verbraucht werden. Wie in Europa nehmen auch dort Übergewichtigkeit, Herzkrankheiten und Diabetes deutlich zu, was auch auf das geänderte Essverhalten zurückzuführen ist. Andererseits ist über ein Viertel der Bevölkerung unterernährt und damit anfällig für viele Krankheiten. Auch in den Metropolen Südostasiens steigt der Wunsch zum Stadtgarten. Es werden zunehmend Gemeinschaftsgärten angelegt, um die Ernährung mit vitaminreichem Gemüse zu fördern und die sozialen Kontakte zu intensivieren. Wie in Europa wird in Boxen, Tüten und Containern Gemüse angebaut und auch Schulgärten werden angelegt. Im Bereich Urban Farming entstehen in Singapore ganze Fabriken. Pflanzen werden dafür in Regalen auf Nährlösungen unter LED-Belichtung angebaut.

LWG trifft Urban-Gardening
Florian Demling, Institut für Stadtgrün und Landschaftsbau, berichtet aus den von ihm bearbeiteten Forschungsprojekten zum Gemüseanbau auf Dach und Fassaden. Auf dem Dach wächst Gemüse mit wenigen technischen Vorgaben recht problemlos, während beim Anbau an der Fassade ein größerer Technikeinsatz notwendig ist und Fragen einer reibungslosen Bewässerung noch zu klären sind. Gundula Holm (Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Erlangen, AELF) betreut seit 2017 den in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Gartenakademie angelegten Demonstrationsgarten am AELF Erlangen. Neben eher klassischen Anwendungsbereichen wie Hochbeet und Kistengarten werden dort auch innovative Ansätze wie Pflanztürme, Deep-Water-System und vertikale Anbautechniken präsentiert. Aufgrund des großen Zuspruches der Bevölkerung soll der Demonstrationsgarten das Vorbild für weitere urbane Demoflächen in jedem bayerischen Regierungsbezirk werden. Für 2019 ist geplant, die nächsten zwei Demonstrationsgärten entstehen zu lassen; weitere folgen in 2020 und 2021.