Veranstaltungsbericht
Blühstreifen und Blühpakt für mehr Biodiversität

Eine Biene sitzt in der Mitte einer blauen Blüte von der Blumenwiese
Das Thema "Biodiversität" ist spätestens seit dem bayerischen Volksbegehren "Rettet die Bienen" in aller Munde. Die Landwirtschaft nimmt dabei eine Schlüsselfunktion ein, da durch nachhaltige und vielfältige Anbaukonzepte auch ein aktiver Artenschutz erreicht werden kann. Beim jährlichen Öko-Gemüsebautag am 2. Juli 2019 im Versuchsbetrieb Bamberg der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG), wurden am Vormittag im Zuge einer Vortragsreihe Strategien vorgestellt, wie Gärtner und Landwirte sowohl ihre Hofstellen also auch die Äcker mit Blühstreifen, Säume sowie Rückzugsorte für Kleinstlebewesen biologisch aufwerten können. Den Nachmittag konnten die rund 110 Teilnehmer nutzen, um sich über die aktuellen Versuche im Gemüsebau zu informieren.

Blühpakt Bayern: Engagement zahlt sich auch

Vor allem das Sterben der Bienen wird schon seit längerem in der Öffentlichkeit publik gemacht. Große Beteiligungen beim Volksbegehren "Retten der Bienen" zeigen den Menschen in seiner "Doppelrolle als Mahner und Verursacher", so Dr. Stephan Niederleitner vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz in seinem Vortrag. Was also tun, um diesen Prozess aufzuhalten? Als Lösungsansatz nennt er den nunmehr seit etwa einem Jahr bestehenden "Blühpakt Bayern". Unter bestimmten festgelegten Kriterien können alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gruppen die Auszeichnung zum "blühenden Betrieb" erhalten, indem naturnahe Freiflächen geschaffen und so der Natur und den Insekten Lebensräume zurückgegeben werden. Als Ursachen für das große Insektensterben nennt Niederleitner die intensive, industrielle Landwirtschaft, Überdüngungen und Pflanzenschutzmaßnahmen aber auch Flächenfraß, Lichtverschmutzung und menschlichen Einfluss. Als Folge daraus wird den Tieren, vor allem Insekten, häufig die Nahrungsgrundlage entzogen und die natürliche Schädlingsbekämpfung durch Nützlinge reduziert. Um beispielsweise als Betrieb die Auszeichnung "blühender Betrieb" zu erhalten, müssen mindestens 20 % der Freiflächen naturnah gestaltet werden, es dürfen keine chemischen Pflanzenschutzmittel und torfhaltigen Substrate eingesetzt werden und Blühstreifen müssen im Winter brach liegen und dürfen nicht gemäht werden. Weitere Kriterien wie zum Beispiel Nistkästen sind wünschenswert, aber nicht verbindlich.

Naturnähe Freiräume an der Produktions- und Hofstelle

Dr. Reinhard Witt (Biologe und naturnaher Grünplaner) zeigt an anschaulichen Beispielen aus dem Knoblauchsland, wie direkt neben neu errichteten Gewächshauskomplexen, durch die natürlicher Lebensraum zerstört wurde, mithilfe des "Naturgartenkonzepts" und heimischen Pflanzenarten Freiräume gestaltet werden können, die dem Erhalt und der Förderung der Biodiversität dienen. Das Konzept beinhaltet, dass mindestens 60 bis 70 % der Pflanzen heimisch sein müssen, nur dann liegt laut ihm auch Biodiversität, "die Vielfalt von Lebensräumen, Pflanzen und Tieren", vor. Für die Anlegung solcher "Naturgärten" stellt Witt drei Methoden vor. Das Austauschen von Mutterboden mit nachgehend mehrmaliger Bearbeitung und Beikrautentfernung, den Erhalt des Mutterbodens und die Artenanreicherung. Mit seiner Unterstützung wurden am Betrieb Höfler im Knoblausland etwa rund um den 5 ha großen Glashauskomplex mehrere unterschiedliche Rückzugsmöglichkeiten für Insekten und andere Tiere angelegt. Unter anderem finden sich eine Mauer für Eidechsen, temporäre Senken und Teiche für Frösche und Wiesen für Rebhühner sowie Einsaaten für Insekten. Und auch für die Mitarbeiter wurde ein lauschiges Plätzchen geschaffen.

Bestäuber- und Nützlingsförderung: Was können Blühstreifen leisten?

Dr. Katja Jacot-Ammann von der Forschungseinrichtung Agroscope in der Schweiz betont nochmals die große wirtschaftliche Bedeutung der Bestäubungsleistung von Insekten, weshalb diese deutlich stärker mit der Anlegung von Blühstreifen, Buntbrachen und Säumen gefördert werden sollten. Auch ihre anschaulichen Grafiken stützen die weitreichend positiven Auswirkungen auf Nahrungssuche, Vermehrung und Gesundheit der Insekten, vor allem Wildbienen. Zusätzlich sind potentielle Ertragssteigerungen nicht zu unterschätzen. In der Schweiz beispielsweise müssen 7 % der Ackerfläche eines Betriebes als "Biodiversitätsförderfläche" angelegt werden. "Der Wert der Biodiversität ist kein überflüssiger Luxus, denn 70 % der Nutzpflanzen profitieren von der Bestäubungsleistung", so Jacot, "weltweit sind dies über 150 Milliarden Euro Bestäubungsleistung pro Jahr". Bienen bevorzugen kurze Wege zwischen Nahrungs- und Nistplatz, weshalb sie eine Kombination aus ein- und mehrjährigen Blühstreifen für wichtig hält. Des Weiteren sollte ein hohes Pflanzenangebot von Mai bis August vorhanden sein. Buntbrachen-Samenmischungen sollten 25 bis 35 verschiedene Pflanzenarten enthalten.
In unterschiedlichen Versuchen aus einer Doktorarbeit wurde das Verhalten der Bienen und anderer Nützlinge an verschiedenen Standorten untersucht. In der Nähe von Blühstreifen waren die meisten und gesündesten Bienen anzutreffen, isoliert oder in der Nähe eines Waldes weniger. In anderen Versuchen zeigte sich, dass durch Blühstreifen 61 % weniger Schaden an Winterweizen auftrat (Getreidehähnchen) oder bis zu 77 % weniger Blattläuse in Kartoffelbeständen. Dies war mit der Förderung der Schwebfliegenvielfalt zu begründen. Als zusätzlicher positiver Nebeneffekt zeigte sich, dass in Blühstreifen spontan gefährdete "Rote Listen" Arten auftraten.

Buntes Versuchsprogramm: Von Wassermelonen bis Karotten

Am Nachmittag wurden Führungen durch das LWG-Gelände angeboten, in denen die Gärtner und Landwirte die Versuche begutachten konnten. Auch erste Ergebnisse standen bereits zur Verfügung. So präsentierte Birgit Rascher (LWG) ihren mehrjährig laufenden Rhabarbersortenversuch, bei dem nicht nur die Ertragsleistung, sondern auch die innere Qualität ermittelt werden soll. Im Fokus steht dabei die Oxalsäure, die laut einer alten Gärtnerregel nach dem Johanni-Stichtag auf ein ungesundes Niveau ansteigen soll. Bisherige Untersuchungen im Rahmen des Versuchs belegen aber, dass die Sorge unbegründet ist.
Neben klassischen Gemüsekulturen wird an der LWG auch mit neuen, innovativen Kulturen gearbeitet. So fand beispielsweise die Ingwerkultur 2017 den Weg in die Bamberger Versuchsarbeit, die auch bei den Gärtnern auf reges Interesse stößt. In diesem Jahr steht der Ingwer sowohl im geheizten Glashaus als auch in Folientunnel. Dabei soll grundlegendes Wissen, wie der Wasserbedarf, ermittelt und im Folientunnel Verfrühungsmaßnamen mit Vlies geprüft werden.
Probleme mit dem Kohlerdfloh treten in den letzten Jahren verstärkt und immer früher im Jahr auf. Standardmethode im Öko-Gemüsebau ist meistens ein feinmaschiges Kulturschutznetz. In einem Versuch wurden verschiedene vorbeugende Maßnahmen, wie das Einsäen einer Kleeuntersaat oder Gelbsenf als Ablenkfutter, getestet. Als direkt Maßnahme wurde eine Kieselgurspritzung geprüft, die allerdings einen geringen Wirkungsgrad von unter 10 % erreichte, wie Tino Hedrich (LWG) berichtete. Deutlich besser schnitten die beiden Untersaaten ab. Unter dem Kulturschutznetz blieben die Kohlpflanzen nahezu befallsfrei.
Auf einem Versuchsfeld mit gepflanzter Edamame, Hintergrund Sträucher und Bäume

Edamame

Auf einem Feld in der Reihe mit gepflanzter Möhren, Hintergrund Sträucher, Bäume und eine Straßenlaterne

Möhren

Eine Wassermelone liegt auf schwarzen Vlies umgeben mit den grünen Blättern

Mini-Wassermelonen

Eine Zuckermelone liegt auf Boden umgeben mit den grünen Blättern und gelbe Blüte

Zuckermelonen

Reife rote Himbeeren mit grünen Laubblättern und dem Draht

Himbeeren

Tomatenpflanzen mit teilweise reifen Früchten im Gewächshaus

Tomate